Erbstreitigkeiten sind fast so alt wie die Menschheit. Oft sind sie nur durch die Hinzuziehung eines weisen Ratgebers zu lösen - so wie in diesem kleinen Rechenexempel aus der arabischen Wüste.

 

Dort besaß ein nicht eben reicher Beduinenscheich lange vor der Entdeckung der ölquellen ganze siebzehn Kamele. Als er starb, versuchte er es jedem seiner Nachkommen recht zu machen. So hinterließ er ein Testament, in dem er seinen Kindern auferlegte, seine Herde so aufzuteilen: der älteste Sohn sollte die Hälfte erhalten, der jüngste Sohn ein Drittel und zum Ausgleich das große Zelt samt Inventar, und die Tochter, die er bereits mit einer Mitgift versorgt hatte, sollte ein Neuntel bekommen. Nachdem die Kinder den Vater in allen Ehren begraben hatten, saßen sie stunden- und tagelang beisammen, um die praktische Erfüllung seines letzten Willens zu bewerkstelligen. Doch sie konnten, soviel sie auch rechneten, keine praktikable Lösung finden. Es sei denn, sie schlachteten die Kamele und teilten das Fleisch nach den Vorgaben des Vaters unter sich auf.

 

Als sie am Abend des dritten Tages noch immer beratschlagten, kam ein Hadschi aus Richtung Mekka vorbeigeritten. Die drei Hinterbliebenen baten ihn, abzusatteln und ihnen seinen weisen Rat zu geben. Der Pilger stieg herab von seinem Kamel, ließ sich wie ein Gast bewirten und brachte schließlich sein Reittier zu der Herde, die der Scheich seinen Nachkommen hinterlassen hatte.

 

Der Hadschi dachte nach, betete zur Nacht und begann umständlich, die Kamele zu zählen. Er zählte zweimal, dreimal, viele Male. Kein Zweifel: Es standen achtzehn Kamele beieinander. Die Rechnung ging auf: Die Hälfte waren neun Kamele, die dem ältesten gehören sollten. Ein Drittel waren sechs, und die sollte sein jüngerer Bruder bekommen. Es blieben zwei, ein Neuntel von achtzehn, genug, um auch der Tochter ihren Erbteil zusprechen zu können.

 

Das Testament des Scheichs war erfüllt, und die Geschwister bedankten sich ehrfürchtig vor dem Pilger, der ihnen geholfen hatte, die salomonische Lösung zu finden. Sie zählten ein letztes Mal: neun Kamele plus sechs plus zwei, das machte zusammen siebzehn Kamele. Der Hadschi bestieg sein eigenes, das achtzehnte Kamel, das übriggeblieben war, und setzte seinen nächtlichen Ritt zurück zu den heimischen Zelten fort.

 

Das Kamel des Hadschi

Der Heizkostenableser stand vor der Tür und begehrte Einlaß. Frau Baykurt erwiderte seinen wortkargen Gruß und bat ihn hereinzukommen. Würden Sie bitte Ihre Schuhe ausziehen? fragte sie. Herr Schulze reagierte verärgert.

 

Wozu das? Ich habe nicht vor, zu Ihnen aufs Bett zu steigen. Nein, sagte Frau Baykurt, davor behüte uns Gott. Aber Sie wollen mit Ihren Schuhen über meinen Teppich gehen, und auf diesem Teppich beten wir. Darum dürfen Sie unseren Teppich nicht mit Schuhen betreten. Herr Schulze war baff. Er knallte die Tür zu und ging unverrichteter Dinge aus dem Haus. In der Zentrale machte er seinem ärger Luft. Doch der Chef hatte keinen Sinn für Emotionen. Er verwies auf die Vorschriften, die jeden Heizkostenableser zu Höflichkeit und Rücksichtnahme anhalten. Herr Schulze knurrte. Demnächst soll ich noch vor dieser Türkenfrau auf die Knie fallen! Doch es half ihm nichts. Er mußte seinen Gang nach Canossa antreten und Frau Baykurt nochmals um Einlaß bitten, diesmal ohne Schuhe. Während er auf Strumpfsocken in der Wohnung der Familie Baykurt seines Amtes waltete, schenkte ihm die Frau des Hauses ein Glas Tee ein und legte einige Stücke Halva dazu. Herr Schulze schüttelte sich.

 

Haben Sie kein Bier? fragte er. Bier, sagte Frau Baykurt, kommt hier nicht ins Haus. Unser Prophet hat das verboten. Wer ist Ihr Prophet? wollte der Heizkostenableser wissen. Mohammed, antwortete Frau Baykurt. Und fragte ihren Gast: Und Ihr Prophet ist Jesus? Herr Schulze wehrte sich. Jesus, sagte er, mit dem hab ich nichts am Hut. Doch Frau Baykurt wies ihn sofort in die Schranken: So dürfen Sie nicht von Jesus reden, jedenfalls nicht in meinem Haus. Herr Schulze wollte gehen, doch die Gastgeberin ließ ihn nicht los. Bei uns, erklärte sie ihm, darf kein Gast das Haus seines Gastgebers verlassen, ohne seine Gastfreundschaft auf der Zunge geschmeckt zu haben. Höflich, wie es sich gehört, trank Herr Schulze seinen Tee und aß sein Halva, ehe er sich dankend verabschiedete. Sichtlich erleichtert verließ er das Haus.

Die Erziehung eines Heizkostenablesers

Seit Jahrtausenden schon gehen Lüge und Wahrheit nebeneinander her. Und oft geraten sie in einen erbitterten Streit darüber, wer von ihnen stärker ist, wichtiger und klüger. Die Lüge sagt, ich bin es. Die Wahrheit sagt, ich - so wahr mir Gott helfe.

 

Nach endlosen Auseinandersetzungen beschlossen Lüge und Wahrheit, durch dieWelt zu ziehen und die Menschen zu befragen. Die Lüge eilte voraus auf ihren kurzen Beinen, sie lugte in jede Spalte, roch in jedes Loch hinein und stöberte in jedem Winkel. Die Wahrheit schritt auf ihren langen Beinen mit stolz erhobenem Haupt die geraden Straßen entlang und schaute voller Verachtung auf das Lügengesindel zu ihren Füßen herab. Die Lüge lachte unentwegt, die Wahrheit kam mit todernster Miene daher. Durch die halbe Welt waren sie gezogen. Sie hatten unzählige Interviews gegeben, und sie hatten auf den Plätzen der Weltstädte große Umfragen veranstaltet. Immer wieder hatten sie sich unter das Volk gemischt. Die Reaktionen der Menschen waren nahezu gleich. Dort wo die Lüge auf den Plan trat, fühlten sich die Leute freier und leichter. Sie sahen sich lachend in die Augen, obwohl sie sich im selben Augenblick belogen und betrogen. Und sie wußten, daß sie einander nicht die Wahrheit sagten. Aber trotzdem stand ihnen die Fröhlichkeit ins Gesicht geschrieben.

 

Doch wenn die Wahrheit auftauchte, verdunkelten sich die Gesichter der Menschen. Sie schauten aneinander vorbei und senkten ihren Blick. Manche griffen sogar zu den Waffen, die sie bei sich trugen. Im Namen der Wahrheit schlugen sie auf den Bruder, den Nachbarn oder den Fremden ein, sie zettelten Kriege an und stürzten die halbe Menschheit ins Unglück -alles um der Wahrheit willen.

 

Deshalb wurde die Lüge von vielen Menschen angefleht: Bitte, verlaß uns nicht! Du bist unser bester Freund, mit Dir ist das Leben angenehmer und freundlicher. Du aber, Wahrheit, bringst uns nur Unheil. Bitte, laß uns in Ruhe und verschwinde, von wo Du gekommen bist!

 

Da triumphierte die Lüge über die Wahrheit: Na siehst Du, wer stärker ist. Die meisten Menschen finden mich bedeutend sympathischer als Dich.

Die Wahrheit gab sich so rasch nicht geschlagen. Bisher, sagte sie zur Lüge, sind wir nur durch die weiten Ebenen gegangen. Laß uns über die Berge steigen, laß uns hinaufsteigen zu den Gipfeln! Fragen wir die reinen und frischen Quellen, die zu Füßen der Gletscher entspringen, die blauen Blumen, die auf den Almen wachsen, den ewigen Schnee, der unberührt geblieben ist vom Treiben der Menschen!

 

Nein, so hoch hinaus will ich nicht! wehrte die Lüge ab. Hast Du etwa Angst davor, schwindelig zu werden? Ein bißchen, gestand die Lüge. Ich mach Dir einen Kompromißvorschlag. Ich bin bereit, mit Dir auf die Berge zu klettern. Aber ich will dort nicht die Blumen und den Schnee befragen, sondern einen weisen Menschen. Wen schlägst Du vor?

Den Dalai Lama, hoch über Tibets Bergen!

Die Wahrheit war einverstanden, und so machten sich die beiden feindlichen Schwestern von Indien aus auf den Weg hinauf zu den schwindelnden Höhen des Himalaya.

Doch je höher sie kletterten, desto mehr ließen die Kräfte der Lüge nach. Mein Himmelreich, stöhnte sie, ist weiter unten, mitten unter den Menschen.

 

Der langbeinigen Wahrheit erging es umgekehrt. Je dünner die Luft wurde, desto wohler und stärker fühlte sie sich. Als ihnen der Gipfel des Nanga Parbat schon zum Greifen nahe gekommen war, erbarmte sich die Wahrheit der völlig entkräfteten Lüge und nahm sie auf die Schulter. Ihr dämmerte plötzlich die Erkenntnis: Was wäre ich ohne die Lüge? Niemand wäre mehr fähig, das Wahre vom Falschen zu unterscheiden!

 

Doch kurz bevor sie den Scheitel des Himalaya erreichten, wurden die Bergsteiger von einem mächtigen Schneesturm überfallen. Auch die Wahrheit war nicht mehr stark genug, um sich den Naturgewalten zu widersetzen. Sie ließ die Lüge fallen, und die Lüge kroch auf ihren kurzen Beinen mit letzter Kraft unter ein schützendes Dach. Es war die Berghütte, die Sal-man Rushdie zu Füßen des Nangat Parbat gebaut hatte, um sich vor seinen iranischen Rächern in Sicherheit zu bringen. Auch die Wahrheit wurde auf wundersame Weise gerettet. Engel kamen aus allen Himmelsrichtungen herbeigeflogen und trugen sie auf ihren breiten Flügeln sicher über die höchsten Gipfel.

 

So trennten sich die Wege von Wahrheit und Lüge. Die Wahrheit zog es vor, über den Wolken zu schweben, während die Lüge die nächstbeste Wetterbesserung nutzte, um rasch in die Täler hinabzusteigen und wie gewohnt in den Häusern der Menschen ein- und auszugehen.

 

Die langen Beine der Wahrheit

Es war einmal - hinter Bremen, dort wo die Bremer Stadtmusikanten zuhause waren - ein versprengtes Häuflein aufrechter Antifaschisten. Ihnen war mit dem plötzlichen Fall des Antifaschistischen Schutzwalls nicht nur das Hinterland, sondern auch ein realexistierendes Feindbild abhanden gekommen.

 

Da war guter Rat teuer. Ein Feind muß her, ein leibhaftiger Faschist! rief der Fähnleinführer. Notfalls müssen wir einen Fascho ausgraben! Und so geschah es. In einer wochenlangen Kampagne stocherten sie mit vereinten Kräften im Moor zwischen Asendorf und Bruchhausen-Vilsen herum, ohne auch nur die Spur einer braunen Moorleiche an den Tag zu fördern. Doch die aufrechten Antifa-Streiter ließen sich nicht von ihrem vorgegebenen Ziel abbringen. Sie beauftragten schließlich einen bewährten Wünschelrutengänger und schickten ihn ins Gelände, um verborgene faschistische Strukturen ausfindig zu machen. Der Feldjäger wurde schon nach kurzer Zeit fündig: er stieß auf ein unterirdisches weitverzweigtes Netzwerk, das bereits bis nach Bonn und Berlin Fühler ausgestreckt hatte. Nach weiteren intensiven Suchaktionen mit Hilfe hochsensibler Antifa-Sensoren wurde endlich auch der Drahtzieher des ganzen Netzes ausgemacht. Der Pendel des Rutengängers schlug ausgerechnet vor dem Hauseingang eines ortsansässigen Verlegers aus, der seit über drei Jahrzehnten eine Kulturzeitschrift mit dem Tarnnamen „MUT" herausgab.

 

Wir haben ihn! rief triumphierend der Mann mit der Rute.

Aber wir haben ihn noch nicht überführt, gab einer der Kameraden zu bedenken, wir brauchen Beweise. Der Mann kommt aus Schlesien! wußte einer.

Der Wünschelrutengänger antwortete: Also ist er ein Revanchist. Mit achtzehn Jahren hat er die DDR-Fahne vom Mast heruntergerissen, berichtete ein anderer. Also, bestätigte der Rutenmann, ist er ein Anti-kommunist.

Seine Kinder sind blond und haben blaue Augen, gab ein dritter zu bedenken. Also, entschied der Fähnleinführer, ist der Mann ein Rassist. Revanchismus, Antikommunismus, Rassismus: das sind die Grundelemente des Faschismus. Der Mann ist eindeutig überführt.

 

Das Tribunal konnte beginnen. Abrakadabra-Anti-fa! riefen die, die sich selber „kritische Nachbarn" nannten. Komm hervor, Du braunes Gespenst, komm heraus aus Deinen Löchern, brauner Buhmann! Doch kein Gespenst erschien auf der schwach beleuchteten Provinzbühne. Aber das konnte die antifaschistischen Gespensterbeschwörer von Asendorf nicht davon abhalten, ihr Volksgerichtsurteil noch am selben Abend vor Ort zu verkünden. Sie entzündeten ein gespensterbannendes Lagerfeuer, bliesen ihre markigen Antifa-Fanfaren in den Abendwind und schritten dann mit erhobenen Fäusten zur feierlichen Urteilsverkündung vor das Haus des Verlegers. Der Wünschelrutengänger erhob feierlich seine Stimme: „Im Namen des Volkes wird entschieden. Erstens: Der Herausgeber dieser Zeitschrift ist ein gefährliches faschistoides Subjekt mit geheimen Querverbindungen bis in allerhöchste Regierungskreise. Zweitens: Die Zeitschrift MUT wird ab sofort auf den antifaschistischen Index verbotener und jugendgefährdender Schriften gesetzt. Drittens: Wir verhängen mit Wirkung vom Morgen an ein umfassendes Handelsembargo über alle Produkte, die auf dem braunen Untergrund von Asendorf und Umgebung gedeihen. Wir fordern alle Antifaschisten auf, keinen Spargel, keine äpfel, keine Kartoffeln, keine Zeitschriften und keine Bücher aus Asendorf zu beziehen. Wer gegen diesen Boykottbeschluß verstößt, den werden wir selber als Förderer des braunen Netzwerks anprangern."

Nach der Urteilsverkündung zerstreute sich das Häuflein der aufrechten Antifaschisten in alle vier Winde.

 

Die Wünschelrutengänger

Ahmed, der älteste Sohn tunesischer Einwanderer, besucht den katholischen Kindergarten der St. Ansgar-Gemeinde. Er ist das einzige muslimische Kind in seiner Gruppe, aber er hat darunter nicht zu leiden. Im Gegenteil: Er ist sogar ein wenig stolz auf seine Sonderrolle und wird darin auch von den meisten Kindern und ihren Eltern akzeptiert. Gern spielt er darum das Frage- und Ratespiel: Was seid Ihr? In diesen Tagen traf ich Ahmed wieder einmal mit seiner Mutter an der Bushaltestelle, als sie ihn mittags aus dem Kindergarten abgeholt hatte. Der Bus hatte Verspätung, und immer mehr Leute sammelten sich an der Haltestelle. Der kecke Junge nutzte die Gunst der Stunde und begann sein peinliches Verhör. Was seid Ihr? fragte er die Leute. Die Angesprochenen schüttelten den Kopf. Sie wußten nicht, was sie auf eine solche Frage antworten sollten.

Ahmed wiederholte seine Frage. Einige lächelten, andere schauten ein wenig verlegen zur Seite. Was meist Du? fragte eine alte Frau zurück.

 

Ahmed antwortete klar heraus: Ich bin Muslim. Seid Ihr auch Muslime? Nein! antworteten die Leute, soweit sie sich angesprochen fühlten. Seid Ihr Christen? hakte Ahmed nach.

Keiner der Angesprochenen wagte es, sich öffentlich zum Christentum zu bekennen. Was seid Ihr denn? fragte Ahmed die Leute zum dritten Mal.

 

Menschen, sagte ein freundlicher junger Mann, der neu dazu gekommen war. Menschen wie Du und ich. Doch von solcher Menschheits verbrüderung wollte Ahmed nichts wissen. Nöö, protestierte er mit aller Entschiedenheit, Ihr seid Affen ...

Seine Mutter hielt ihm erschrocken die Hand vor den Mund, aber der junge Mann hatte offenkundig Sinn für Spaß, zumindest für Spaß aus Kindermund. Er fragte Ahmed lachend: Und wie kommst Du darauf? Ja, sagte Ahmed, das hat uns die Kindergartenmutti gesagt: So sind die Affen. Hände vor die Augen. Hände vor die Ohren. Nichts sehen, nichts hören, nichts glauben.

Endlich kam der verspätete Bus. Die Leute drängten hinein, und eilig schob die Mutter ihren vorlauten Sohn in die letzte Reihe.

 

Kindermund

Als Wortschöpfer lebe ich zwar hauptsächlich von Luft und Liebe. Als Urheber muß ich dennoch hin und wieder um den gerechten Lohn für meine Dienstleistung streiten. Besonders gegenüber meinen orientalischen Gönnern.

Ich war von der Presseabteilung der persischen Botschaft zu einem Fernsehinterview eingeladen, in dem ich frank und frei meine Meinung zum Dialog der Kulturen sagen konnte. Als ich nach getaner Arbeit in aller Bescheidenheit nach meinen Fahrtkosten und meinem Honorar fragte, hatte man für meine Bitte sofort Verständnis und drückte mir einen Teppich unter den Arm. Den hab ich dann mit aller Mühe mit nach Hause geschleppt. Da ich mit einem Teppich aber weder meine Miete bezahlen noch meine Kinder satt machen kann, bin ich am nächsten Tag in den Freihafen gegangen und habe dort bei einem Teppichhändler mein kostbares Stück weit unter Wert verkauft.

 

Ein anderes Mal bestellte eine saudische Presseagentur bei mir einen Kommentar zur Nobelpreisverleihung an Günter Grass. Ich war froh, daß auf diese Weise auch ein Brosamen für mich abfiel, und lieferte meine Arbeit postwendend beim Auftraggeber ab. Meine Kontonummer vermerkte ich auf dem Anschreiben. Doch statt der erbeten überweisung bekam ich ein Päckchen. Inhalt: ein goldner Löffel.

Geldhungrig, wie ich war, lief ich zum Juwelier gegenüber und bot ihm mein fürstliches Geschenk an. Der Juwelier schaute abwechselnd mich oder den Löffel an. Sein Blick fiel auf das eingravierte Zeichen, zwei gekreuzte Klingen, das Staatswappen des saudischen Königshauses. Wo haben Sie das her? fragte er mich. Das habe ich geschenkt bekommen.

Er schüttelte den Kopf. Die Saudis verschenken grundsätzlich nichts.

 

Doch, doch, widersprach ich. Das dürfen Sie der Polizei erzählen! Diebesgut nehme ich nicht an! Sprach es und wies mich grußlos zur Tür hinaus. Ich berichtete meine Erfahrungen Imam Razvi. Der lachte nur und erzählte mir zum Trost die Geschichte von dem persischen Poeten Urfi, der gegen Ende des 16. Jahrhunderts an den Hof des Moghuikaisers Akhbar des Großen in Lahore gerufen wurde. Der Kaiser war von Urfis Wortkünsten so begeistert, daß er ihn auf der Stelle mit einem seiner prächtigsten Elefanten beschenkte. Hoch auf seinem Prunkelefantenthron ritt Urfi vom kaiserlichen Hof. Doch kaum hatte der Dichter die Mauern der Kaiserstadt verlassen, begann der Elefant unruhig zu werden. Er hatte Hunger, und Urfi wußte nicht, was er ihm zu fressen geben sollte. Da er keinen Pfennig Geld bei sich hatte, verkaufte er im nächsten Dorf seinen prachtvollen Sattel und kaufte dafür Heu und Stroh für den Elefanten. Doch das Futter war nach drei Tagen aufgebraucht, und Urfi hatte keinen Pfennig in der Tasche, um sich etwas zum Essen zu kaufen. Sein sozialer Abstieg war dank des großherzigen Geschenks vorgezeichnet. Er zog samt seinem Elefanten als Bettler durch ganz Indien und reifte auf dieser Reise zu sich selbst zu einem der großen Dichter der indomuslimischen Mystik.

 

Poetenlohn

Zu den merkwürdigsten Gestalten, die mir auf meinem nicht eben gradlinigen Lebensweg begegnet sind, gehört Helmut Ruffzky. Tagsüber tat er als Chefredakteur der erzkonservativen Frauenzeitschrift „Constanze" seine Pflicht, hielt die bürgerlichen und familiären Werte hoch und war um ein hanseatisch gepflegtes äußeres samt Schlips und Kragen bemüht. Aber so habe ich Herrn Ruffzky nie kennengelernt. Ich habe den roten Helmut immer nur abends getroffen, irgendwann gegen neun während der Mitgliederversammlungen des Hamburger Kulturkollektivs der offiziell verbotenen KPD. Bei dieser Gelegenheit trug er meistens eine blaue Bluse, aber gelegentlich auch ein knallrotes Hemd mit Hammer-und-Sichel-Emblem. Er wetterte lautstark gegen Revisionismus, Sozialdemokratismus und Klassenverrat und sah im bewaffneten Kampf den einzigen Weg zur Befreiung des Proletariats.

 

Unter den versammelten Salonbolschewisten war er immer der radikalste und ließ sich höchstens von seiner Schülerin Ulrike Meinhof übertreffen. Viele Jahre nach seinem mysteriösen Tod traf ich Ruffzkys Tochter, eine streitbare und nicht auf den Mund gefallene Publizistin. Ich bat sie, mir das Geheimnis der zwei Seelen in der Brust ihres Vaters zu entschlüsseln. Sie redete nicht lang um den Brei herum. Mein Vater, erzählte sie, hat viel getrunken. Morgens wachte er stocknüchtern auf und machte sich mit schlechtem Gewissen und Todesverachtung an seine Arbeit. Aber kaum hatte er Feierabend, dann schüttete er eine halbe Flasche Wodka in sich hinein, um seinen Frust zu ertränken.

 

Und bald danach entschwebte er in seine Traumwelt und verwandelte sich in einen revolutionären Klassenkämpfer. Wenn er nachts nach Hause kam, trällerte oder lallte er jedesmal die Internationale. Und vor dem Schlafengehen legte er die Platte mit den Liedern von Ernst Busch auf: „In Hamburg fiel der erste Schuß, zum Barrikadenkampf rief Spartakus ...".

 

Bei der Auflistung der Ismen, die die deutsche Geschichte im zwanzigsten Jahrhundert geprägt haben, sollte man den Alkoholismus nicht völlig außer Acht lassen.

 

Zwei Seelen in einer Brust

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Kräftige Farben, große Formate: Die Bilderwelt

von Wolfgang Kluge.

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